Ein paar Gedanken zu Obamas Besuch in Deutschland

Es war eine wahre Kakophonie, die über Deutschland hereinbrach, als Präsident Obama nach Hannover kam. Anti-Amerikanismus hat es schon immer gegeben in Deutschland, meist wenig beachtet und wenig überzeugend von überzeugten Altlinken, für die das Verabscheuen des amerikanischen Wesens so etwas wie ein letzter Halt war, nachdem sie selbst längst das Revolutionäre gegen die Einbauküche getauscht hatten. Aber neu dazugestoßen sind Neurechte, für die Amerika im Allgemeinen etwas schlechtes ist, weil sie glauben, dass "ihr" Deutschland fremdgesteuert und "unter Besatzung" ist. Ein Amerika unter einem schwarzen Präsidenten natürlich noch viel mehr. Die Ablehnung des Begriffs "Amerika" und des Landes USA, auch das planlose Geschrei gegen TTIP und der Rassismus in den sozialen Netzwerken, der in all diesem zum Tragen kommt, wird dieser Tage fleißig befeuert von Stimmungsmache und Finanzfluss aus Moskau.

Doch dann geht es weiter. Da gibt es die Leitartikler und Kolumnisten und die Agenturmeldungen abschreibenden Journalisten und jeder hat was beizutragen, muss was beizutragen haben. Um es klar zu sagen: Es ist die vornehmste Aufgabe von Journalisten, Dinge zu hinterfragen. Das Projekt TTIP bedarf noch vieler Erklärungen und diejenigen, die sich dafür einsetzen, haben in der Vergangenheit keinen guten Job dabei gemacht, es zu erklären, sondern haben tatenlos zugesehen, wie die Gegenseite immer weiter zulegte, an Mitteln, Methoden und Zuspruch. Warum jedoch auch in ernstzunehmenden Publikationen mit Begriffen und Vorwürfen hantiert wird, die man mit ein paar Mausklicks selbst als Unfug entlarven kann, müssen sich die Redaktionsverantwortlichen durchaus fragen lassen. Wenn ein kritisches Herangehen so undifferenziert, unsachlich und ideologiegetränkt daherkommt, wie es bei TTIP der Fall ist, dann öffnet man auch die Tür für über jedes Maß hinausgehende Meinungsäußerungen gegen den amerikanischen Präsidenten und zwar sowohl in Bezug auf dessen Position als auch auf seine Person.

Barack Obama hat diese Reise angetreten, weil die USA das diesjährige Partnerland der Hannover Messe sind, eine der weltweit wichtigsten Industriemessen. Obama hat im Laufe seiner Amtszeiten versucht, der Industrie in den USA neue Impulse zu geben. Sicher darf man es auch als Geste der Freundschaft verstehen, dass er gekommen ist und sicher darf man anlässlich eines solchen Besuchs auch andere Politikthemen hinterfragen. Wenn Obama aber dafür kritisiert wird, dass er für amerikanische Produkte wirbt oder sich dafür einsetzt, dass ein Abkommen mit der EU geschlossen wird, dass auch den US-Unternehmen nutzen wird und dort wie hier Arbeitsplätze schaffen wird, dann ist dringend ein Reality Check nötig. Barack Obama ist in erster Linie Präsident der USA und gegenüber den amerikanischen Bürgern in der Verantwortung und es ist sein gutes Recht, diese Verantwortung vor alles andere zu stellen. Anders gesagt, was man in Deutschland oder sonstwo über ihn und sein Auftreten denkt, das könnte ihm ziemlich gleichgültig sein - übrigens auch jedem Nachfolger, egal ob dieser nun Clinton, Trump oder Sanders heißt. Es ist ihm aber nicht egal, weil er allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz Deutschland als Freund und Partner ansieht. Gerade vor diesem Hintergrund ist es mehr als traurig, dass die politische Stimmung in Deutschland derzeit wohl nur noch von den ganz schrillen Stimmen geprägt wird.


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