Gotik made in Iowa

"Europäer wollen keine amerikanische Kunst. Sie denken, das Land wäre zu neu für jede Art der Kultur und zu primitiv und zu unterentwickelt."

Als sich Grant Wood derart desillusioniert äußerte, befand er sich in Europa, genauer in München, wo er eine Auftragsarbeit ausführte und sich dem Studium der Techniken der alten Meister in der Pinakothek hingab. War es diese Frustration, dieses Anrennen gegen undurchdringliche Mauern, was Grant Wood dazu brachte, ein solches Meisterwerk zu schaffen, dass es sinnbildlich nicht nur für einen neuen Stil, sondern gleich auch noch für eine ganze Region stehen konnte?

Sein Gemälde "American Gothic" ist eines, das man sich, besonders als Amerika-Freund, immer wieder gern ansieht. Es gibt wenige Bilder, in denen das ländliche, urtypische, hart arbeitende Amerika des Mittleren Westens so eindrücklich dargestellt wird. Es gibt überhaupt wenige Bilder, die eine Atmosphäre und eine Lebenseinstellung allein schon mit dem Gesichtsausdruck einer abgebildeten Person so zuverlässig darstellen können. Der Mann in dem Gemälde, übrigens dargestellt von Grant Woods Zahnarzt und mitnichten von einem Farmer, schaut den Betrachter direkt an und in seinen Mundwinkeln liegen sowohl das Bestellen der Felder, als auch die Gleichtönigkeit von Iowas Alltag, als auch die familiäre Verantwortung gezeichnet.

Letztlich zeichnet es einen Künstler aus, Inspiration in den Winkeln des Alltäglichen zu finden. Das Haus, das Wood als Hintergrund für sein Gemälde wählte, steht in Eldon in Iowa und hat, ebenso wie der ganze Ort, eigentlich nichts Besonderes. Eben jenes Durchschnittliche ist es, was den Stil des Regionalismus auszeichnete, der in den 1930er Jahren der amerikanischen Kunstszene einen frischen Akzent verlieh - und auch in Europa für viel Aufsehen sorgte, womit Wood sich letzten Endes selbst widerlegt hatte.
   

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